Immer wieder stellt sich im Wissensmanagement die Frage der Beziehung von “Wissen” und “Dokumenten”. Sind Dokumente Wissen oder sind sie Produkte des Wissens oder ganz etwas anderes? Diese Frage wird insbesondere im Zusammenhang mit der informationstechnologischen Auseinandersetzung mit dem Wissensbegriff relevant, in der oft suggeriert wird, Wissen sei einfach eine Teilmenge von verfügbaren Informationen, die z.B. in Form von Dokumenten vorliegen können. Wissen ist demnach diejenige Teilmenge von Informationen, die gerade mal handlungsrelevant für ein bestimmtes Individuum ist. So kommen dann Begriffe wie “Wissensmanagementsystem” oder auch nur “Wissensmanagement” zustande, die immer dann fragwürdig sind, wenn Sie meinen, es wäre “Wissen” was dort “gemanaged” würde.

Dokumente können kein Wissen sein. Solche durch Menschen geschaffene Artefakte benötigen immer auch ein Subjekt, das sie interpretiert. Dokumente können keine Entscheidungen treffen, können nicht handeln. Bedeutung entsteht erst mit der Aufnahme des Geschriebenen durch ein handelndes Subjekt. Und diese kann sich je nach Subjekt stark unterscheiden.

Geschriebenes besteht zunächst einmal aus Zeichen, die mehr oder weniger Bedeutung tragen, je nachdem wer sie liest. Wenn aber die Bedeutung des Geschriebenen abhängig ist von dem Rezepienten, dann ist es nicht sinnvoll diesem Geschriebenen eine neue Qualität zuzuweisen. Ist das Dokument nur manchmal “Wissen”, je nachdem, ob es für jemanden Bedeutung trägt, und manchmal nicht?

Zweifelsohne drückt sich Wissen in Dokumenten aus – ohne Wissen keine Dokumente. Das Verhältnis der beiden ist aber sehr viel komplexer.

Zu kurz gegriffen erscheint mir auch die Annahme, Dokumente seien einfach Produkte des Wissens. Wissen sei also die Voraussetzung, das Dokument das Ergebnis des Wissens. Diese Sichtweise verkennt, dass Wissen und Handeln untrennbar miteinander verbunden sind – in diesem Fall Wissen und Schreiben. Das kann jeder leicht nachvollziehen: Ist es nicht so, dass man durch das Schreiben erst “Ideen entwickelt”, dass man nach dem Schreiben eigentlich “mehr weiß” als vorher? Schreiben und Denken ist in diesem Fall ein untrennbarer Prozess. Und dieser Denkprozess bedient sich eines Werkzeugs: Der Schrift.

Dass “Schrift” ein Werkzeug ist (oder eine Technologie) wird heute oft verkannt, da Schrift allgegenwärtig ist. Aber das Denken und somit das “Wissen” verändert sich mit der Technologie. Dies kann man durch die Untersuchung von sogenannten “oral Cultures” untersucht werden, die Schrift nicht als Mittel zur Wissensweitergabe verwenden, sondern narrative Elemente, wie die Überlieferung von Geschichten (neudeutsch: “Storytelling). Es wird deutlich, dass sich eine vollkommen andere Art und Qualität von “Wissen” entwickelt, als dies in “literate Cultures” (so wie der unsrigen) der Fall ist (z.B. Brent, 1991; Corcoran, 1995; December, 1993).

Eine gelungene Auseinandersetzung des Zusammenhangs von Schrift und Wissen hat Rainer Totzke in einem Beitrag “Schrift und Wissen: Was die
Wissensmanagement-Theorie von PLATONs Schriftkritik lernenkann”
beschrieben. Der Zusammenhang zu alternativen narrativen Methoden des Wissenstransfers (z.B. Storytelling) wird dort gelungen motiviert.

Im übrigen wird manchmal (z.B. Fowler, 1994) die Hypothese vertreten, dass wir uns in einem Übergang zu einer neuen Form der Wissenskultur befinden, die dann als “hyper-literate Culture” bezeichnet wird. Diese basiert weniger stark auf der linearen und damit auch in gewisser Weise objektivistischen Form des Wissens, als vielmehr auf einer Form der Wissensräpresentation die auf “verlinkten” Hypertexten basiert.

Beispiel: Das Internet wird immer mehr zu einem zentralen Medium. Schaut man nicht heutzutage oft statt in einem Lexikon zunächst mal bei Google nach, wenn er nach
einer Definition für einen Begriff sucht? Ein Hinweis darauf, dass in der “hyper-literate Culture” vernetzte Informationen wichtiger werden als die “Standardwerke” der “literate Culture” – was “Wissen” ist, verändert sich!