Neulich im Standard (Samstag, 10. Juli 2004, Bildung & Karriere, “Wissen speichern und verteilen”) definiert Jan Mieth, Product-Marketing Manager bei Microsoft Österreich, was seiner Ansicht nach unter “Wissensmanagement” zu verstehen ist. “Die Idee hinter dem Wissensmanagement”, so liest man dort, “sei eben die, dass das Unternehmenswissen, das die Mitarbeiter repräsentieren, niedergeschrieben und gespeichert wird.” Anscheinend muss man nur bei Microsoft arbeiten, um gleich als Experte für alles mögliche gelten zu dürfen. Denn was uns Herr Mieth da mitteilt, ist eine Sicht von Wissensmanagement, die man gut und gerne als gescheitert betrachten kann. Und wer sie vertritt, hat offensichtlich die vergangenen 10 Jahren Forschung im Bereich Wissensmanagement verschlafen.

Wissen dokumentieren, speichern und verteilen – das mag vor 10 Jahren die Idee gewesen sein, mit der man Wissensmanagement als Heilslehre für Unternehmen verkaufen konnte. Aber – und das haben zahlreiche Forschungsansätze gezeigt – die Idee, man könne einfach das Wissen von den Personen trennen und beliebig im Unternehmen verteilen, ist naiv und geht an der Realität in Unternehmen vorbei.

Es ist doch klar: Von Mitarbeitern zu verlangen “ihr Wissen” aufzuschreiben führt aus den verschiedensten Gründen zu Widerständen. Es ist aufwändig und es bringt keinen persönlichen Nutzen. Eher noch im Gegenteil: Man verliert die Kontrolle darüber, was damit geschieht. Selbst wenn Menschen gerne bereit sind, Ihren KollegInnen bei deren Problemen zu helfen, sind sie nicht gerne bereit, alles beliebige für jeden beliebigen aufzuschreiben.

Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass der Hauptgrund für diese Widerstände darin liegt, dass man nicht weiß, was diese beliebigen Personen nachher damit anstellen. Nicht so entscheidend scheint die Angst davor zu sein, sich selbst überflüssig zu machen, in dem man sein Wissen preisgibt. Auch ungleich verteilte Kosten-Nutzen Relationen werden ins Feld geführt, um die Widerstände zu erklären: Auf Seiten der Aufschreibenden entstehen fast nur Kosten, der Nutzen entsteht auf der Seite der Konsumenten.

Gegen Widerstände kann man natürlich angehen – Zwang oder Anreize wären zu nennen. Und so sind dann auch viele “Anreizsysteme” im Wissensmanagement diskutiert worden, um die Mitarbeiter “von ihrem Wissen zu entledigen”. Das Resultat waren dann zwar gefüllte Datenbanken, deren Wert aber oftmals auf der Strecke blieb. Ergebnis sind Datenfriedhöfe, in die alles hineingeleert wird, aber für die sich so richtig niemand interessiert (vgl. z.B. Schneider, 2001)

Es lassen sich noch viele andere Argumente anbringen – nicht zuletzt auch das Menschenbild, welches hinter dieser Wissensmanagement Strategie steht. Diese sieht nämlich das Wissen eines Mitarbeiters als Ressource, über die das Unternehmen frei verfügen könne und auch sollte. Anfänge einer Diskussion dazu kann man u.a. auf der Plattform Wissensmanagement (im Forum: Zum Begriff ‘Wissensmanagement’) verfolgen.

Im übrigen bin ich weit davon entfernt, das “Ende des Wissensmanagements” einzuläuten, wie es ja an anderer Stelle getan wird. Ein bisschen kreativer darf es aber bei den Maßnahmen schon sein, um an die “Ressource Wissen” zu gelangen. Für gelungene Maßnahmen gibt es unzählige Beispiele. Schon wenn man die Explizierung von Wissen in einen “Community Ansatz” einbettet, sieht die Sache oftmals anders aus (vgl. Swan, Newell & Robertson 2000). Und auch technologisch getriebenes Wissensmanagement hat viele Erfolge zu verzeichnen, wenn es nicht der alten Logik des “dokumentieren, speichern und verteilen” folgt.

Leute wie Herr Mieth sind mit dem Bild, das sie vom Wissensmanagement zeichnen, meiner Ansicht nach mit dafür verantwortlich, dass das Konzept Wissensmanagement ein zunehmend schlechtes Image hat. Dagegen sollte man etwas unternehmen.

Weiterführende Literatur zu den sozialen Aspekten im Wissensmanagement (zu erweiternde Auswahl):