Das Europäische Zentrum für Nuklear-Forschung, besser bekannt unter dem Kürzel CERN, liegt genau an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich. Genau so scharf, wie nationale Grenzen das Gelände von CERN schneiden, genau so deutlich erkennt man die Trennlinien zwischen WissenschafterInnen und der Technologietransfer Gruppe am CERN. Die einen handeln nach dem Grundsatz “publish or perish”, die anderen gleichen einer uneinnehmbaren Bastion für Industriespione. Die Frage ist, ob sich diese beiden Aktivitäten miteinander vertragen bzw. ob das eine ohne dem anderen kann?

CERN ist speziell PhysikerInnen, aber auch für TelematikerInnen, ElektrotechnikerInnen und sogar MaschinenbauerInnen, ein Begriff. Mit weltweit einzigartiger Infrastruktur forschen WissenschafterInnen seit 50 Jahren nach den kleinsten Bestandteilen der Materie und den Kräften, die diese zusammenhalten. Im Schnitt sind ca. 9.000 WissenschafterInnen aus (fast) allen Nationen anwesend, einige fix angestellt, andere sind Studierende für Diplom- oder Doktorarbeiten, andere wiederum sind nur wenige Tage oder Wochen hier, um die Infrastruktur für Tests und Experimente zu nutzen.

CERN war seit jeher darauf ausgerichtet, die Ergebnisse der Forschung zu veröffentlichen und diese zu verteilen. Es wurde in der Vergangenheit kein Wert darauf gelegt, die Ergebnisse vorab auf ihre potentielle Verwertbarkeit zu sichten. WissenschafterInnen publizierten in Journals, gaben die Ergebnisse kostenlos an die Industrien der Mitgliedsstaaten weiter und unterhielten sich mit anderen KollegInnen über die neuesten Forschungsergebnisse. Das mag auch das Fundament des Erfolgs von CERN sein. Aufgrund der Tatsache, dass weniger als 30 % der 9.000 WissenschafterInnen fix am CERN angestellt sind, wechseln jedes Jahr einige hundert in die Privatwirtschaft, in Unternehmen der Mitgliedsstaaten, um dort ihr erworbenes Wissen anzuwenden. Und Transfer über Köpfe ist sicherlich eine der effizientesten Formen des Technologie- und Wissenstransfer.

Die Entwicklungen an den Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen, die ihre Transferaktivitäten kontinuierlich ausbauen und professionalisieren, ist aber auch an CERN nicht spurlos vorübergegangen. Nicht zuletzt aufgrund des Drucks der Mitgliedsstaaten gibt es seit 2000 eine eigene Technologietransferabteilung am CERN, die Technologietransfer Gruppe. Diese Einheit kümmert sich um Schutzmechanismen wie Patente, Copyrights etc. für die am CERN entwickelten Technologien und Softwareprogramme und soll den Transfer von CERN in die Industry beschleunigen. Das Team besteht aus sieben Personen und es managed in etwa 100 Technologien, wobei ca. 50 zu Patenten angemeldet sind. Das standing der Abteilung innerhalb CERN ist alles andere als einfach, was nicht zuletzt auf die Mentalität der WissenschafterInnen und der Tradition von CERN zurückzuführen ist.

Die beiden Philosophien, die der WissenschafterInnen auf der einen und die der Technologietransfer Gruppe auf der anderen Seite, scheinen konträr und dennoch ergänzen sie einander eher als sich auszuschließen. Als Grundlage für die folgenden Überlegungen können diese Teilaktivitäten dienen: (1) Forschung, (2) Bedarf der Industrie erkennen, (3) Bedarf der Industrie stillen und (4) Technologiemarketing.

  • Forschung: ohne die 9.000 WissenschafterInnen am CERN würde es nichts zu transferieren geben. Und ohne den freien Austausch von Wissen, die fruchtbare Interaktion mit anderen Gruppen (auch ausserhalb), wären unter Umständen viele Innovationen nicht zustande gekommen. Nehmen wir das Internet als Beispiel: das wurde ja am CERN in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen entwickelt. Was wäre heute, wenn damals eine strikt agierende Technologietransfergruppe die Hand auf diese Erfindung gelegt hätte? Auf der anderen Seite kann aber eine Technologietransfergruppe neue, fruchtbare Kontakte erschließen durch geeignete Aktivitäten, zB durch Kooperationsprojekte.
  • Bedarf der Industrie erkennen: Diese Aufgabe erfordert auf der einen Seite Spezialistenwissen, auf der anderen Seite aber auch einen möglichst guten Überblick über die Märkte der derzeit 20 CERN Mitgliedsstaaten. Die meisten WissenschafterInnen wären hier wohl überfordert. Hier gibt es wiederum Synergien durch die beiderseitige Zusammenarbeit: Technik-Spezialisten, die sehr gut Bescheid wissen, welche Unternehmen in diesen spezifischen Bereichen tätig sind, Transfer-Spezialisten, die einen guten Überblick über Mitbewerber haben bzw. den Zugang zu anderen Märkten.
  • Bedarf der Industrie stillen: CERN ist in der besonderen Situation von 20 Staaten finanziert zu werden. D. h. aber auch, dass der Rückfluß ausgewogen sein sollte. WissenschafterInnen werden sich selten die Mühe machen, nur um besondere Auflagen zu erfüllen, spezielle Unternehmen in speziellen Mitgliedsstaaten zu identifizieren. Normalerweise werden sie sich einfach an bereits bekannte Unternehmen wenden. Transfer-Spezialisten haben die Aufgabe, solche Auflagen zu berücksichtigen und dadurch auch die langfristige Finanzierung der Forschung durch das Zufriedenstellen der Geldgeber sicherzustellen.
  • Technologiemarketing: Dem Grundsatz, “Tu Gutes und Rede darüber”, Folge leistend, sind Transferverantwortliche dafür verantwortlich, die Erfolge zu kommunizieren und dadurch auch maßgeblich das Image der Einrichtung zu steuern. Alleine durch Publikationen in wissenschaftlichen Journals sind keine Anerkennungen auf breiter Basis zu holen, hier bedarf es anderer Maßnahmen.

Angesichts dieser Punkte ist es also keine Frage, ob entweder-oder, sondern vielmehr eine Frage nach dem sowohl-als auch. Diskussionen beschränken sich leider meist auf den ersten Aspekt. Es gilt hier eine Brücke zu schlagen und beiden Formen zielgerichtet aufeinander abzustimmen. Nur dadurch kann Platz für beide Seiten geschaffen werden und das Potential insgesamt am Besten genutzt werden.

Informationen zu CERN sowie zu “verfügbaren” Technologien gibt es unter http://www.cern.ch bzw. https://oraweb.cern.ch/pls/ttdatabase/display.main.