Die Diskussion, ob man dem Begriff Wissensmanagement gerecht wird, wenn man darunter bloßes Dokumentenmanagement versteht, ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Dessen ungeachtet scheint die Frage nichts an Brisanz verloren zu haben.

Auch auf Wissensmanagement Impulse findet sich eine kritische Diskussion zu diesem Thema (vgl. u. a. Beiträge von T. Ley und M. Strohmaier). Die Kritik an frühen Formen von Wissensmanagement, die ihr Hauptaugenmerk auf IT-Lösungen gelegt und den menschlichen Faktor vernachlässigt haben, gehört somit bereits zum Common-Sense der Fachdiskussion (vgl. etwa Schneider 2001). Breiten Raum nimmt dabei die Diskussion um die Bedeutung und die Kategorisierung der Begriffe Daten, Information und Wissen ein. Mitunter so breiten Raum, dass Wissensmanagement-Ratgeber, die sich als besonders praxisnah verstehen, vor der Auseinandersetzung mit dieser Frage warnen, da sie mehr Verwirrung als Mehrwert stifte (vgl. Lucko/Trauner 2002, 9). Meines Erachtens kann sich die Sinnhaftigkeit einer solchen „akademischen” Diskussion im engeren Kontext des Wissensmanagements nur erweisen, wenn sie Bedingungen angeben kann, die einen konkreten und greifbaren Unterschied machen, der aus der Entscheidung für die eine oder andere Betrachtungsweise folgt. Kurz: Es muss ein Unterschied in der Praxis bemerkbar sein, der sich an der Konsequenzenmenge (und somit am Erfolg von Projekten) messen lässt.

Betrachtet man Wissensmanagement aus konstruktivistischer Sicht (vgl. Sammer 2000), so folgt daraus eine Mannigfaltigkeit an Aktivitäten und nach dem Bild des konstruktivistischen Erkenntnismodells ein System, das sich durch Benützung mitverändert. Jedenfalls bleibt Wissen abhängig von den Strukturen des jeweiligen Individuums, das als teilnehmender Beobachter unter seinen jeweils spezifischen Systembedingungen zu betrachten ist. Dass Wissen als „Paket” in Form von Daten weitergegeben werden kann, wird zurückgewiesen (vgl. Schneider 2001, 54).

Im Falle des Fokus „Dokumentenmanagement” setzt man eine beliebige Menge an kontextualisierter Information in den Mittelpunkt der Betrachtung, wobei es den Benutzern überlassen bleibt, daraus für sie relevantes Wissen zu generieren. Der geschäftsprozessnahe Ansatz im Wissensmanagement als Weiterentwicklung dieser Ausrichtung betrachtet auch die in Dokumenten gespeicherten Daten als Wissen, wenn sie relativ zu definierten Prozessen bzw. Gemeinschaften vorhanden sind und sowohl interpretierbare als auch handlungsrelevante Informationen beinhalten (vgl. M. Strohmaier)

Damit wird freilich nicht das Dokumentenmanagement als Wissensmanagement rehabilitiert, sondern eher die Unentbehrlichkeit von Dokumentenmanagement für Wissensmanagement-Strategien herausgestellt, denn ohne Daten gibt es auch nichts zu interpretieren. Setzt man einen so eng definierten Kontext für Dokumentenmanagement bereits voraus, ergeben sich ohnehin die für den Wissensbegriff meistgenannten Indikatoren: Kontextualisierung und Integration von Information in den eigenen Erfahrungshorizont. Dadurch wird Dokumentenmanagement so eng gefasst, dass es dem konstruktivistischen Bild gleichkommt.

So oder so: Wissensmanagement-Aktivitäten werden auch in Zukunft gut daran tun einen möglichst weiten Kreis von mit menschlichem Wissen verbundenen Faktoren mitzuberücksichtigen, sonst wird – wie an so manchem Beispiel in der Vergangenheit ablesbar – das Wissensmanagement ohne die Wissensträger stattfinden und Projekte in der Praxis an mangelnder Akzeptanz scheitern.

Literatur:

  • Sandra Lucko; Bettina Trauner: Wissensmanagement. 7 Bausteine für die Umsetzung in der Praxis. Hanser 2002.
  • Martin Sammer: Vernetzung von Wissen in Organisationen: Gestaltung von Rahmenbedingungen. Dt. Univ.-Verl. 2000.
  • Ursula Schneider: Die 7 Todsünden im Wissensmanagement. FAZ 2001.