Das vom Chemiker und Philosophen Michael Polanyi entwickelte Konzept des impliziten Wissens hat neben zahlreichen anderen Fachdisziplinen auch das Wissensmanagement nachhaltig beeinflusst. Welche Lehren können in der gegenwärtigen Praxis des Wissensmanagements noch aus den Ideen Polanyis gezogen werden?

Einflussreiche Publikationen im Wissensmanagement verweisen direkt auf Polanyi: Bei der Untersuchung von japanischen Unternehmen stellt sich bei Nonaka und Takeuchi (Nonaka/Takeuchi 1995) der Übergang zwischen implizitem und explizitem Wissen als entscheidender Wettbewerbsvorteil japanischer Unternehmen heraus. Karl Erik Sveiby greift ebenfalls auf Ideen Polanyis zurück, um zu zeigen, dass das implizite Wissen als das wesentliche Unternehmenskapital anzusehen ist (Sveiby 1998). Fast durchgängig in der nachfolgenden Literatur wird auf die grundlegende Unterscheidung der beiden Wissensformen Wert gelegt und der wechselseitige Übergang als zentrale Herausforderung des Wissensmanagements hervorgehoben.

Polanyis Ausgangslage bildet die Einsicht: „Wir wissen mehr, als wir zu sagen wissen“. Eine Vielzahl an Alltagsbeispielen (z. B. Gesichtererkennung) zeigt, dass wir etwas können, aber nicht anzugeben in der Lage sind, wie wir das können. Auf Grundlage der Gestaltpsychologie sieht Polanyi das Erkennen der Gestalt als Ergebnis einer aktiven Formung der Erfahrung während des Erkenntnisvorgangs. Somit verweist er bereits auf den aktiven Part des Subjekts im Erkenntnisprozess und die Einpassung von Erfahrungen in die dem Subjekt eigentümlichen Systembedingungen als Voraussetzung für den Wissenserwerb.

Die Bedeutung der Frage ergibt sich für Polanyi auch aus der Spannweite des Gebiets. Implizites Wissen ist relevant bei allen Formen des Diagnostizierens und bei allen Formen von Geschicklichkeit im künstlerischen, sportlichen oder technischen Bereich.

Hier tritt eine weitere wichtige Komponente von Polanyis Wissenstheorie zutage: die gleichwertige Betrachtung von theoretischem und praktischem Wissen. Ein wichtiger Punkt, der das Konzept gerade für das Wissensmanagement und seine praxisnahe Ausrichtung anwendbar macht. Nicht völlig deckungsgleich, doch in dieselbe Richtung zielend, ist die Unterscheidung zwischen wissen und können in der deutschen Sprache bzw. die Unterscheidung von knowing that und knowing how. Diese ähnlich strukturierten Wissensformen treten immer paarweise auf, ebenso wie die aus der Psychologie stammende Unterscheidung zwischen deklarativem und prozeduralem Wissen. Deklaratives Wissen bezieht sich auf Tatsachen und Dinge, ist daher ein Faktenwissen. Prozedurales Wissen bezieht sich auf die Art, wie kognitive Prozesse ausgeführt werden, insbesondere etwa beim Problemlösen.

Das Problemlösen kann durch die Zurverfügungstellung von relevantem Wissen erleichtert werden. Im Gegenzug erschwert bzw. verzögert das Vorhandensein von irrelevantem Wissen den Lösungsprozess (wie etwa beim Problem des information overload).

Wenn Polanyi von „Wissen“ spricht, bezieht er sich also stets auf sowohl praktische als auch theoretische Erkenntnisse (Polanyi, 1985, 16). Er ist der Auffassung, dass Praktiker und Denker die gleichen Methoden anwenden, da beide Regeln und Modellen folgen sowie ihren Erfahrungen vertrauen. Sie durchlaufen einen Kreislauf, der immer sowohl Hypothesen und Theorienbildung als auch Erfahrung und Erprobung miteinschließt, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Die für Polanyi bedeutende enge Beziehung zwischen Wissen und Tun wird z.B. durch den Prozess der Aneignung von mathematischen Theorien deutlich. Erst durch die Anwendung können diese erlernt bzw. begriffen werden.

Seiner Meinung nach kann zu große analytische Detailnähe für das Gesamtverständnis von Phänomenen durchaus hinderlich sein: „Detailfetischismus kann einen historischen, literarischen oder philosophischen Gegenstand unwiderruflich verfinstern. Allgemeiner gesprochen ist die Ansicht, wonach uns erst eine möglichst plastische Kenntnis der Einzelheiten den wahren Begriff der Dinge lieferte, von Grund auf falsch.“ (Polanyi, 1985, 26) In Analogie zur Anwendung technischer Geräte ließe sich daraus formulieren, dass wir, um von Phänomenen oder Prozessen etwas zu wissen, nicht ausschließlich auf die Zergliederung der Bestandteile angewiesen sind. Im Gegenteil ersetzt die explizite Darstellungsweise oft nicht die implizite. Die Geschicklichkeit eines Fahrers lässt sich auch durch noch so genaue Beschreibung der Vorgangsweise beim Fahren nicht ersetzen.

Diese Erkenntnisse sind es, die Polanyi für das Wissensmanagement so bedeutend machen, denn aus ihnen folgt, dass niemals das gesamte implizite Wissen in expliziter Form dargestellt werden kann und somit auch Formen des Datenmanagements eine zwar notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für das Management von Wissen darstellen. Auch die Erkenntnis, das theoretische und praktische Wissen als Phasen innerhalb eines Wissensprozesses zu sehen, ist für die Praxis von Bedeutung. Ungleichgewichte auf der einen Seite bedeuten Überforderung durch praxisferne Modelle, Ungleichgewichte auf der anderen Praxis ohne Systematisierung. Beides kann für sich allein auf Dauer nicht bestehen. Systemisches Wissensmanagement trägt dem Rechnung und integriert beides.

Literatur:

  • John R. Anderson: Kognitive Psychologie: eine Einführung. Heidelberg 1988.
  • Ikujiro Nonaka; Hirotaka Takeuchi: Die Organisation des Wissens: wie japanische Unternehmen eine brachliegende Ressource nutzbar machen. Frankfurt/M., New York 1997.
  • Michael Polanyi: Implizites Wissen. Frankfurt 1985.
  • Karl Erik Sveiby: Wissenskapital. Das unentdeckte Vermögen. Landsberg/Lech 1998.