Wissenstransfer zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen ist ein vielfach diskutiertes und komplexes Thema, dem im Laufe der letzten Jahre immer mehr Bedeutung beigemessen wurde. Wissen stellt heute in Unternehmen die wichtigste Ressource dar, um (langfristige) Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz aufbauen zu können. Die Generierung, Weitergabe und Verarbeitung von Wissen ist demnach von höchster Relevanz, wissenschaftliche Expertise und Know-How sowie bestimmte an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen entwickelte Kompetenzen werden dabei als wichtige Inputs für (technologische) Innovationen gesehen.

Unternehmen, welche sich nicht primär auf die Ausschöpfung ihrer internen Ressourcen fokussieren können oder wollen, können dabei besonders von einem solchen externen Wissensangebot profitieren und ihre begrenzten Kapazitäten ressourcenschonend erweitern, indem sie externes Wissen für ihre internen Prozesse adoptieren. Die dazu nötige stärkere Vernetzung zwischen akademischen Einrichtungen und Unternehmen ist zum erklärten Ziel der internationalen Forschungs- und Technologiepolitik geworden. Die Intensivierung bestehender Kooperationen wie auch die Entstehung neuer Verknüpfungen (in einem regionalen bzw. nationalen) Kontext) können dabei nicht als Aufgabe einer Forschungseinrichtung gesehen werden, sondern kann nur gelingen, wenn sämtliche Beteiligte und Stakeholder diesen Auftrag gemeinsam wahrnehmen – eine interdisziplinäre Herausforderung. Für die (praktische) Zielerreichung der Intensivierung werden und wurden eine Vielzahl von Projekten ins Leben gerufen, welche Science-to-Business Kooperationen ermöglichen und fördern sollen, dabei ergibt sich aus dem Zweck solcher Initiativen, dass mehrere Personen aus unterschiedlichen Organisationen und mit divergierenden Hintergründen kollaborieren, um theoretische wie praktische Fragestellungen zu beantworten. Demnach müsste Wissenstransfer per se interdisziplinär sein, doch ist er dies wirklich? Dazu soll vorerst eine Definition von Interdisziplinarität gewagt werden.

Interdisziplinarität ist ein vielfältig und unterschiedlich verwendeter Begriff und beschreibt eine wissenschaftliche Praxis, an der mehr als eine Disziplin beteiligt und deren Zielsetzung es ist, wissenschaftliche Probleme disziplinenübergreifend zu lösen (vgl. Nünning, 2008) bzw. zuerst Fragestellungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, um dann einen integrierten gemeinsamen Lösungsweg zu finden. Interdisziplinarität kann demnach als problembezogender Austausch und Ergänzung oder Korrektur einzeldisziplinärer Perspektiven gesehen werden, wobei es nicht darum geht, die Disziplinarität aufzuheben, sondern die durch die Spezialisierungen entstandenen Wissenslücken moderner Wissenschaft zu korrigieren (vgl. Mittelstraß, 1987). Im Unterschied zur Transdisziplinarität geht es bei interdisziplinärer Forschung darum, unterschiedliche Disziplinen für einen spezifischen Zweck zusammenzuführen, ohne dabei den Anspruch zu stellen, dass die Grenzen unter den jeweiligen Disziplinen verändert werden (vgl. Madni, 2007). Interdisziplinarität im Wissenstransfer kann daher ein Resultat interdisziplinären Austausches aber auch ein methodisch-theoretischer Ansatz sein, der ein weites Spektrum umfasst, welches von punktueller Zusammenarbeit bis hin zu einer neuen Wissenschaftsauffassung mit Anspruch auf Institutionalisierung reicht. Wenn in Wissenstransferprojekten also (meist) mehr als eine Disziplin beteiligt ist, um praxisrelevante Fragestellungen zu beantworten, dann ist es das Ziel, Einblicke in die unterschiedliche Begriffsverwendung der Disziplinen zu gewinnen, sodass darauf aufbauend auch unterschiedlich ausgerichtete Forschungsfragen bearbeitet und Schnittpunkte identifiziert werden können, an denen sich die Arbeiten der einzelnen Disziplinen sinnvoll ergänzen. Für eine theoretische Begriffsdefinition mag diese kurze Ausführung reichen, allerdings stellt die soeben formulierte Zielsetzung eine nicht ganz einfache Herausforderung dar, da häufig Hinweise fehlen wie theoretische Konzepte in die Praxis umgesetzt werden können (vgl. Feichtinger et al., 2004).

Nicht selten ergibt sich die Interdisziplinarität der Wissenstransferprojekte viel mehr aus der operativen Praxis heraus als dass in der Theorie konzipierte Modelle in der operativen Tätigkeit umgesetzt werden können. Grenzübertritte einzelner Fachbereiche als auch zwischen Wissenschaft und Praxis sind zwar kennzeichnend für den Wissenstransfer, dennoch müsste es der oben angeführten Definition folgend das Ziel sein, die beteiligten Disziplinen derart miteinander in Verbindung zu bringen, dass eine gemeinsame und zielgerichtete Problembearbeitung ermöglicht werden kann. ExpertInnen aus Unternehmen und Wissenschaft würden demnach nicht nebeneinander sondern miteinander an derselben Problemstellung arbeiten. In der Praxis ist es allerdings mitunter der Fall, dass die Arbeit verschiedener SpezialistInnen, die unabhängig voneinander ausschließlich Teilaspekte des Gesamtproblems bearbeiten, addiert wird, was keineswegs automatisch zu einem gemeinsamen Verständnis komplexer Probleme führt und somit (noch) keine interdisziplinäre Zusammenarbeit darstellt.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass in Wissenstransferprojekten informell gelebte und verankerte Aspekte durchaus Ansätze interdisziplinärer Projektarbeit und Forschung enthalten (z.B. eine gemeinsame Klärung der Problemstellung, die Zusammenarbeit verschiedener Institute, das vereint Sein von Personen aus Praxis und Wissenschaft mit unterschiedlichen Bildungshintergründen), dass allerdings Interdisziplinarität im Sinne einer disziplinenübergreifenden Erweiterung des theoretischen Bezugsrahmens kaum beobachtbar ist. Allerdings gilt es anzumerken, dass eben häufig Hinweise für die praktische Umsetzung theoretischer Forderungen fehlen und streng befolgte Interdisziplinarität Schwierigkeiten mit sich bringt, für deren Behebung Lösungswege erforderlich wären, welche in der Praxis – aus unterschiedlichen Gründen – nicht immer beschritten werden können.


Literaturverzeichnis

Feichtinger, J.; Mitterbauer, H. und Scherke, K. (2004): Interdisziplinarität – Transdisziplinarität. Zu Theorie und Praxis in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in: newsletter MODERNE, 7 (2), S. 11-16.
Madni, A. M. (2007): Transdisciplinarity: Reaching Beyond Disciplines To Find Connections, in: Journal of Integrated Design & Process Science, 11(1), S. 1-11.
Mittelstraß, J. (1987): Die Stunde der Interdisziplinarität?, in: Kocka, J. (Hrsg.): Interdisziplinarität, Praxis – Herausforderung – Ideologie, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 152-158.