Vom 7.-9.5.2010 fand das Barcamp Graz statt, an dem verteilt über das Wochenende von Freitag bis Sonntag rund 200 Personen teilgenommen haben. Die Erfahrungen des Organisationsteams sowie das in der Abschlussrunde am Barcamp erhaltene Feedback, möchten wir hier nutzen, um einige Überlegungen zu dieser Methode des Wissenstransfers anzustellen.

Das Barcamp Graz 2010

Barcamp Graz war ein Barcamp mit vier verschiedenen Schwerpunkten. WissensCamp, iCamp, PolitCamp und DesignCamp boten allen TeilnehmerInnen ein buntes Spektrum unterschiedlicher Themen und Schwerpunktsetzungen und spannten einen interdisziplinären Bogen über viele Bereiche und Disziplinen, in welchen das Barcamp als Form des Wissensaustausches genutzt werden kann.

Wie organisieren sich Barcamps in der Praxis?

Da sich Barcamps durch einen hohen Selbstorganisationsgrad auszeichnen, gibt es auch bei der dahinter liegenden Organisation kein Reglement mit straffer Arbeitsverteilung und zugeteilten Aufgaben. Das Organisationsteam ist demnach auch mehr oder weniger flexibel, man könnte es als eine lose Verbindung von Einzelpersonen bezeichnen, die durch geteiltes Interesse an gemeinsamen Themen zustande kommt. Die beteiligten Personen sind teilweise auch Mitglieder größerer Organisationen, wie etwa Fachhochschule Joanneum oder Universität Graz, treten jedoch nicht als deren VertreterInnen auf, sondern verstehen sich als InitiatorInnen und KatalysatorInnen.
Auch wenn es mit den vier Themen am Barcamp Graz vielleicht so etwas wie eine inhaltliche Schwerpunktsetzung gab, unterschied sich das Barcamp nicht von anderen bisher stattgefunden Barcamps: Ablauf und Inhalt wurden am Veranstaltungstag gemeinschaftlich diskutiert und festgelegt.

Lessons learned

Das Feedback der TeilnehmerInnen wurde vom Organisationsteam gesammelt und nach Veranstaltungsende analysiert. Hier wollen wir damit einen kurzen Einblick in unsere “lessons learned” geben:

  • Organisationsteam: Trotz der hohen Selbstorganisation und der bewusst gewählten Flexibilität beim Ablauf der Veranstaltung ist zumindest ein halbwegs stabiler Kern an Mitwirkenden notwendig, um die kontinuierliche Arbeit sowie den Wissensaustausch innerhalb des Organisationsteams sicherzustellen.
  • Vorstellungsrunde: Die anfängliche Vorstellungsrunde ist Teil vieler Barcamps. In Graz wurde auf Grund der großen TeilnehmerInnenzahl darauf verzichtet, was sich jedoch auf das Networking abschwächend auswirkte: Barcamps leben von der Interaktion der TeilnehmerInnen und eine gewisse Transparenz ist dafür Voraussetzung. Die berühmten “3 Tags” (Schlagworte), mit denen sich auf zahlreichen Barcamps die Anwesenden vorstellen, sind dafür ein geeignetes und zeitsparendes Instrument.
  • Raumverteilung: Adäquate räumliche Rahmenbedingungen machen viel vom Flair eines Barcamps aus. Beim Barcamp Graz, das im “Wilden Mann” in halb-offenen Räumen stattfand, saßen die TeilnehmerInnen auf Sitzkisten, die frei im Raum verteilt werden konnten. Dies ermöglichte eine hohe Flexibilität, unterstützte den Charakter der Veranstaltung und wurde als positiv empfunden (s.a Fotostream auf Flickr).
  • Sessions & Diskussionen: Ein Barcamp lebt davon, dass alle Personen, die anwesend sind, auch selbst einen Vortrag/eine Session halten bzw. sich aktiv beteiligen, sodass ein Geben und Nehmen von Wissen sowie ein reger Austausch und bunte Diskussionen stattfinden können. Beim Barcamp Graz wurde versucht, möglichst viele “Frischlinge” zur Teilnahme zu motivieren, was auch gelungen ist. Allerdings haben nicht alle von ihnen sich mit einer eigenen Session eingebracht, was mit einer vergleichsweise geringeren Rate an Vorträgen und Diskussionen einher ging.
  • Dauer eines Barcamps: Für Barcamps eher untypisch wurde in Graz auch der Freitag Nachmittag als Konferenztag miteinbezogen, die Dauer erhöhte sich somit auf zweieinhalb Tage. Dies brachte im Wesentlichen einen Vorteil und einen Nachteil mit sich. Zum einen war zu bemerken, dass am Freitag Nachmittag das Camp von vielen Neulingen besucht wurde, die teilweise aus ihrem beruflichen oder studentischen Kontext heraus, ein Barcamp live miterleben wollten. Zum Anderen hätte die Dichte der Ideen und Sessions an den beiden folgenden Tagen höher sein können, was möglicherweise mit einer geringeren Fluktuation gewährleistet gewesen wäre. Durch die Dauer das Camps kamen aber eben viele Personen nur an einem Tag.
  • Größe des Barcamps nach TeilnehmerInnenanzahl: Andere Barcamps (z.B. Barcamp Berlin) machten die Erfahrung, dass sich mit mehr als 700 TeilnehmerInnen die Selbstorganisationskräfte erschöpfen. In dieser Größenordnung haben Beteiligte die Veranstaltung als zerfahren erlebt. Die TeilnehmerInnenanzahl von ca. 200 Personen in Graz, war eine überschaubare Größe, obwohl sich – wie bereits beschrieben – die Vorstellungsrunde als etwas schwierig erwies. Aus dieser Tatsache lassen sich mehrere Schlüsse ziehen, wobei das Hauptaugenmerk auf folgender Frage liegen sollte: Wie viel Intervention verträgt ein Barcamp, ohne den selbstorganisierenden Charakter zu verlieren? Demnach sollte auch die Anzahl der TeilnehmerInnen entweder ganz offen gelassen oder limitiert werden.

Im nächsten Beitrag wollen wir aufbauend auf diese Feedbacks Überlegungen zum Potential von Barcamps geben, die sich auch als Anregungen für die Organisation neuer Camps genutzt werden können.

gem. mit Robert Gutounig

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