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Wissensmanagement Impulse

Wann Dokumentenmanagement auch Wissensmanagement darstellen kann

Nach sorgfältigen Studium eines Buches, Dokuments oder Artikels (wie z.B. des Artikels von Tobias “Sind Dokumente Wissen?“) ist es einem Individuum möglich, über Ansichten, Perspektiven und Gedankengänge des entsprechenden Autors Bescheid zu wissen. Soweit so gut – warum aber fällt es Vielen so schwer an Wissen in Form von z.B. Dokumenten zu glauben. Der Grund liegt zumeist in der überflüssigerweise wahren Beobachtung, dass für jede Art von expliziter Information (es existiert sogar der Begriff des expliziten Wissens) ein Interpreter (der Mensch) notwendig ist um einen gewissen Grad an Semantik zu erreichen. Das allein jedoch reicht nicht aus. Der Mensch interpretiert nicht nur in seinem persönlichen Kontext, sondern auch in einem kollektiven (gesellschaftlichen) und real-weltlichen (physikalischem) Kontext. Das heisst, dass das Interpretationsergebnis nur zum Teil vom Individuum selbst abhängt. Dieser Schluss liegt auch besonders deshalb nahe, weil es Menschen möglich ist (die über die notwendigen Interpretationsmechanismen verfügen), aus Lehrbüchern ohne direkte Interaktion mit den Autoren sich neues, objektives Wissen (z.B. über Atomphysik) anzueignen – Bücher nehmen hier die Rolle eines Transportmechanismus oder Wissenscontainer ein (Popper nennt das in seinem Buch “Objektive Erkenntnis” [1] Wissen der 3. Welt oder Objektives Wissen, siehe auch den Kommentar von Gerd Niehage dazu). Es sei hier ausserdem bemerkt, dass Bücher, und vor allem die zeitgemässere Variante, das Internet, zwei der Schlüsselfaktoren waren, die zur Entwicklung der heutigen Wissensgesellschaft führten.

Dokumente beherbergen Wissen. Der Artikel von Tobias transportiert Wissen über seine Einstellungen in Form eines Artikels zu Lesern, die in keinem physischen Kontakt mit ihm stehen. Sie teilen natürlich einen gemeinsamen Kontext mit dem Autor – das stellt den Begriff des expliziten Wissens jedoch nicht in Abrede, sondern erhöht sogar seine Bedeutung in Umgebungen in denen dieser gemeinsame Kontext existiert. Zum Beispiel bieten Organisationen Mitarbeitern einen derartigen, gemeinsamen Kontext (durch eine gemeinsame Kultur, Begriffe, geteiltes Weltbild, gemeinsame Interpretationsregeln, etc). Dabei stellt das Management von Dokumenten die in Bezug gesetzt sind zu konkreten Handlungen (z.B. Geschäftsaktivitäten oder Geschäftsprozessen) deshalb selbstverständlich eine Form von Wissensmanagement dar.Dokumente beherbergen somit dann Wissen, wenn sie in abgegrenzten Kontexten 1) interpretierbare und 2) handlungsrelevante Informationen beinhalten. Beide Aspekte können in strukturierten, sozio-technologischen Systemen (Unternehmen [2]) mit bereits existierenden Analysemethoden zumindest zum Teil antizipiert und deshalb zum Teil auf der Ebene von Dokumenten geplant und gemanaged werden. Hier kann Dokumentenmanagement als Wissensmanagement begriffen werden.

[1] Karl R. Popper. Objektive Erkenntnis. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg,1973. Link
[2] Otto K. Ferstl and Elmar J. Sinz. Grundlagen der Wirtschaftsinformatik, Bd.1, 4.Auflage. Oldenbourg Verlag, 2001. Link

Sind Dokumente Wissen?

Immer wieder stellt sich im Wissensmanagement die Frage der Beziehung von “Wissen” und “Dokumenten”. Sind Dokumente Wissen oder sind sie Produkte des Wissens oder ganz etwas anderes? Diese Frage wird insbesondere im Zusammenhang mit der informationstechnologischen Auseinandersetzung mit dem Wissensbegriff relevant, in der oft suggeriert wird, Wissen sei einfach eine Teilmenge von verfügbaren Informationen, die z.B. in Form von Dokumenten vorliegen können. Wissen ist demnach diejenige Teilmenge von Informationen, die gerade mal handlungsrelevant für ein bestimmtes Individuum ist. So kommen dann Begriffe wie “Wissensmanagementsystem” oder auch nur “Wissensmanagement” zustande, die immer dann fragwürdig sind, wenn Sie meinen, es wäre “Wissen” was dort “gemanaged” würde.

Dokumente können kein Wissen sein. Solche durch Menschen geschaffene Artefakte benötigen immer auch ein Subjekt, das sie interpretiert. Dokumente können keine Entscheidungen treffen, können nicht handeln. Bedeutung entsteht erst mit der Aufnahme des Geschriebenen durch ein handelndes Subjekt. Und diese kann sich je nach Subjekt stark unterscheiden.

Geschriebenes besteht zunächst einmal aus Zeichen, die mehr oder weniger Bedeutung tragen, je nachdem wer sie liest. Wenn aber die Bedeutung des Geschriebenen abhängig ist von dem Rezepienten, dann ist es nicht sinnvoll diesem Geschriebenen eine neue Qualität zuzuweisen. Ist das Dokument nur manchmal “Wissen”, je nachdem, ob es für jemanden Bedeutung trägt, und manchmal nicht?

Zweifelsohne drückt sich Wissen in Dokumenten aus – ohne Wissen keine Dokumente. Das Verhältnis der beiden ist aber sehr viel komplexer.

Zu kurz gegriffen erscheint mir auch die Annahme, Dokumente seien einfach Produkte des Wissens. Wissen sei also die Voraussetzung, das Dokument das Ergebnis des Wissens. Diese Sichtweise verkennt, dass Wissen und Handeln untrennbar miteinander verbunden sind – in diesem Fall Wissen und Schreiben. Das kann jeder leicht nachvollziehen: Ist es nicht so, dass man durch das Schreiben erst “Ideen entwickelt”, dass man nach dem Schreiben eigentlich “mehr weiß” als vorher? Schreiben und Denken ist in diesem Fall ein untrennbarer Prozess. Und dieser Denkprozess bedient sich eines Werkzeugs: Der Schrift.

Dass “Schrift” ein Werkzeug ist (oder eine Technologie) wird heute oft verkannt, da Schrift allgegenwärtig ist. Aber das Denken und somit das “Wissen” verändert sich mit der Technologie. Dies kann man durch die Untersuchung von sogenannten “oral Cultures” untersucht werden, die Schrift nicht als Mittel zur Wissensweitergabe verwenden, sondern narrative Elemente, wie die Überlieferung von Geschichten (neudeutsch: “Storytelling). Es wird deutlich, dass sich eine vollkommen andere Art und Qualität von “Wissen” entwickelt, als dies in “literate Cultures” (so wie der unsrigen) der Fall ist (z.B. Brent, 1991; Corcoran, 1995; December, 1993).

Eine gelungene Auseinandersetzung des Zusammenhangs von Schrift und Wissen hat Rainer Totzke in einem Beitrag “Schrift und Wissen: Was die
Wissensmanagement-Theorie von PLATONs Schriftkritik lernenkann”
beschrieben. Der Zusammenhang zu alternativen narrativen Methoden des Wissenstransfers (z.B. Storytelling) wird dort gelungen motiviert.

Im übrigen wird manchmal (z.B. Fowler, 1994) die Hypothese vertreten, dass wir uns in einem Übergang zu einer neuen Form der Wissenskultur befinden, die dann als “hyper-literate Culture” bezeichnet wird. Diese basiert weniger stark auf der linearen und damit auch in gewisser Weise objektivistischen Form des Wissens, als vielmehr auf einer Form der Wissensräpresentation die auf “verlinkten” Hypertexten basiert.

Beispiel: Das Internet wird immer mehr zu einem zentralen Medium. Schaut man nicht heutzutage oft statt in einem Lexikon zunächst mal bei Google nach, wenn er nach
einer Definition für einen Begriff sucht? Ein Hinweis darauf, dass in der “hyper-literate Culture” vernetzte Informationen wichtiger werden als die “Standardwerke” der “literate Culture” – was “Wissen” ist, verändert sich!